Interview, Kieler Kinderköppe, Kultur, Spielkram

Alle ihre Monster

15. Oktober 2015

Ich bin zwar nur eine kleine Qualle mit Namen Kalle und habe bisher keinerlei demografischen Untersuchungen angestellt – ich weiß ja noch nicht mal, was das ist – aber eins weiß ich trotzdem ganz ziemlich ungefähr genau: Seitdem Katharina Kierzek in Kiel am Nil lebt, hat sich die Zahl der hier wohnenden Monster mindestens verhundertfacht.

Da sagst Du „Alle Achtung!“ und hüpfst spontan aus Furcht auf den nächsten Tisch? Na warte doch mal. Bin ja noch nicht fertig mit erzählen! Also zieh Dir mal wieder die Bettdecke vom Kopf. Die Katharina ist doch Künstlerin und die Monster sind nicht richtig echt.

Kier_LadenKier_KatalogÜberall wo Katharina ist, da sind auch irgendwie Monster zu finden. Die sind irgendwann einfach zu ihr gekommen. Und man entdeckt sie nun auf Leinwänden, Buttons, Tassen, Weihnachtskugeln oder Postkarten. Manche ihrer Monster haben zusammen mit anderen Figuren Katharinas sogar ganze Räume erobert – zum Beispiel 2013 den Kinder- und Jugendbereich der Kieler Stadtbücherei und in wenigen Wochen auch einen Raum der Stadtteilbibliothek Gaarden. Und ihre Monster sind auch super schlau. So zum Beispiel der kleine, wissbegierige Latje. Der ist seit Anfang 2015 Held eines außergewöhnlichen, von Katharina illustrierten Kindermuseumskatalog für das Nordseemuseum in Husum.

Vor ein paar Jahren noch war Katharinas häufiges Motiv ein Mädchen mit Augen und Ohren. Irgendwann bekam diese Figur auch einen Mund verpasst. Der sah oft „pöbelig und schnodderig“ aus. Hatte wohl viel zu meckern und zu motzen. „Ich komme aus einer Familie, in der wir oft sarkastisch und zynisch sind.“ Eines Tages dann verlor dieses Mädchen ihre menschliche Gestalt. Aus den pöbelnden Mädchen wurden immer öfter niedlich pöbelnde Monster: „Es ist was anderes, wenn ein Mädchen ´Klugscheißer´sagt, oder wenn das ein kleines süßes Monster sagt,“ findet die begeisterte Monster-Mutti. „Was da am Ende beim Zeichnen oder Gestalten raus kommt, steht am Anfang nicht fest. Monster machen mich freier. Nicht nur in der Form. Ich kann bei ihnen nix falsch machen.“

Katharina ist in Berlin-Neukölln „jeboren und aufjewachsen“. Nach der Schule und einem Zwischenstopp auf den finnischen Åland Inseln ist sie dann in Schleswig-Holstein gelandet. Dort hat sie in Rieseby ihren Gesellen zur Baukeramikerin gemacht. Erst nach diesem handfesten Abschluss in einem Handwerk ist sie in die Kunst gewechselt, „eine Zauberwelt“ wie Katharina findet. Nach sieben Jahren an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel verzichtete sie auf ihr Diplom und eröffnete kurz darauf ihre Galerie „WIRKLICH“ am Südfriedhof. Das war 2008. Seither stellt sie dort ihre eigenen Werke und Werke von Freunden aus und hat mit diesem Kunstraum einen der buntesten Fleckchen Erde in ganz Kiel am Nil geschaffen. Hier trifft man auch auf viele andere Gestalten aus Katharinas Händen: knallige Matroschkas, aufgepimpte Geweihe, blinkende Wandskulpturen aus unzähligen Nippes und Kleinzeugs, Roboter, Katzen oder Hängefiguren aus Keramik.

Kier_TrittEinKier_FensterKier_GeweihKier_PolizeiKier_ElefantKier_ZeitenKier_BalettDoch zum Kunst machen versteckt sich Katharina nicht in ihren eigen vier Künstlerwänden, sondern ist in Kiel am Nil immer wieder mittendrin mit ihrer Kunst. Zum Glück oft auch da, wo Kinder sind. Seit ein paar Jahren gehört sie so beispielsweise zum Team auf der Krusenkoppel, das Kieler Woche für Kieler Woche dafür sorgt, dass innerhalb von ein paar Tagen auf den wubbeligen Hügeln über der Förde Wunderwelten von und für Kinder entstehen.

Seit sieben Jahren ist Katharina außerdem an der VHS Kunstschule tätig. Hier gibt sie Kurse für Kinder, Schulklassen, Kindergeburtstage… „Es ist ein großer Spaß, Kinder zeichnen zu sehen!“ Auch heute morgen ist wieder so ein Wuseltag in der Kunstschule – es sind gerade SchulKulturWochen. Eine zweite Klasse aus Gaarden hat die VHS erobert. Gemeinsam mit Kristine Bauer-Stisser von der Stadteilbücherei Gaarden wird den Kindern zunächst das Buch „Dunkel“ von Lemony Snicket vorgelesen.

Kier_MaterialKier_MeldenDann sind die Kinder gefragt: „Wann ist es eigentlich dunkel?“
Die Schüler der Eulen Klasse wissen natürlich bescheid: „Wenn der Strom kaputt ist! Wenn es kein Licht gibt! Wenn es Winter ist!“
„Und vor was hat man eigentlich so Angst im Dunkeln?
„Gespenstern!“
„Aber Gespenster sind ja super langweilig, die laufen ja immer nur in ihrem Bettlaken rum,“ bedenkt Katharina, immer entwaffnend gewappnet mit ihrer sympathischen Berliner Schnauze.
„Und Monster!“
„Aha, und wie sehen die bitte aus…?“
„Groß! Glibberig! Drei, ja manchmal sogar vier Augen! Messerzähne! Ekelige Warzen mit Haaren drauf! Mehrere Köpfe! Dino Bein! Yeti Arme!….“
„Ja, richtig – Ihr habt alle Recht! Denn es gibt sehr viele verschiedene Arten von Monstern.“

Und dann geht es eeendlich an die Basteltische. Monster basteln. „Ich zeige Euch jetzt nur ein bisschen was. Schaut mal: Einfach nur ein Kloß mit einem Glubschauge und Stacheln. Aber Eure Monster sind nicht meine Monster, und meine nicht Eure. Also lasst Eurer Fantasie freien lauf.“

Kier_textKier_Malen3Kier_Malen2Kier_Malen1Kier_Erklaeren2Vorlage_Kan_BilderUnd das machen die Kinder. Plötzlich sitzen 27 hoch konzentrierte Monster-Maler in Raum und erschaffen in einer Stunde 27 total verschiedene mini Monster aus schwarzer Pappe. Sie alle bekommen einen Namen und ihre Erschaffer dürfen sie am Ende vorstellen und erzählen was ihre Monster alles können: „Springen. Fliegen. Farbe wechseln. Sich total unsichtbar machen. Hat drei Pobacken!“

Kier_Gruppe2Kier_Gruppe3Kier_Gruppe1Enorm was die Monster alles können. Und die Kinder erst. Katharina sieht zufrieden und glücklich aus. Auch diese Kinder haben keine Furcht vor Monstern. Im Gegenteil: Sie alle gehen mit einem neuen, seltsamen Freundchen nach Hause – ihrem Monster. Ich hab übrigens auch nen Monster gebastelt. Meins kann im Nil in Kiel 5,36 Minuten tauchen ohne Luft zu holen. Jawohl!

Katharinas nächster Workshop ist übrigens ein Comic-Kurs, den sie am 24. Oktober in der Kieler Stadtbücherei, kostenlos und zusammen mit dem Comic Zeichner Gregor Hinz gibt. Anmelden kannste Dich unter der Nummer 0431-9013438 bei der Stadtbücherei.


Atelierladen „WIRKLICH“

Katharina Kierzek
Lutherstraße 10
24114 Kiel
www.wirklich.info

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