Interview, Kultur, Wissen

Astrid Lindgrens Brieffreundin

30. November 2015

Hej, wusstet Ihr eigentlich, dass die wundertolle Astrid Lindgren in ihrem Leben nicht nur wahnsinnig viele Bücher, sondern auch Berge voller Briefe geschrieben hat? Die Königin der Kindergeschichten und Mama von Pipi Langstrumpf, Michel, Ronja, den Bullerbü-Kindern, den Brüdern Löwenherz, Lotta, Madita und vielen mehr pflegte jahrzehntelang eine Brieffreundschaft mit einem schwedischen Mädchen namens Sara Schwardt.

Mit 12 Jahren war eben diese Sara mal ordentlich fuchs-teufels-wütend und irgendwie auch verzweifelt. Da entdeckte sie in der Zeitung die Adresse von Astrid Lindgren und schrieb ihr prompt einen äußerst frechen Brief. Das war im Jahr 1971.

Astrid antwortete. Und eine Brieffreundschaft begann. Liebe, Familie, Freundschaft Schule, Krieg, Schauspielerei, Schreiben, Religion, die Zukunft – in den kommenden Jahren es gab so einiges zu besprechen. Nun sind diese Briefe in dem Buch „Deine Briefe lege ich unter die Matratze“ (Oetinger Verlag) veröffentlicht wurden. Deswegen war Sara in Kiel am Nil zu einer Lesung. Dort habe ich als äußerst belesener Rabe die Schwedin mit Hilfe ihrer lustigen Dolmetscherin mal so einiges gefragt.

KaN_Lindgren_Sara2Also Sara, nun erst mal das allerwichtigste: Du bist ja eine richtige Spezialistin, also was muss man tun, um ein guter Brieffreund zu sein?
Es ist wichtig, Interesse zu zeigen. Man sollte fragen „Wie geht es Dir?“, und man soll zeigen, dass es schön ist und man sich freut, dass der andere geschrieben hat. Und dann kann man natürlich ein paar Geheimnisse erzählen, von denen sonst kein Mensch weiß. Aber als ich Astrid geschrieben habe, da habe ich daran leider gar nicht gedacht. Ich habe einfach das geschrieben, was mir eingefallen ist. Und nur an mich gedacht. Ich bin also eigentlich gar nicht so ein gutes Beispiel…

Und was sollte man besser sein lassen?
Man darf niemals darauf pfeifen, wenn man einen Brief bekommen hat, sondern muss unbedingt antworten.

Wo finde ich denn einen Brieffreund?
Als ich klein war, konnte man in der Zeitung inserieren „Ich suche eine Brieffreundin“. Dann habe ich geschrieben: Ich bin ein Mädchen, 11 Jahre alt, ich interessiere mich für Pferde, Jungs und Briefe schreiben. Und wer das gelesen hat, und gut fand, der konnte mir einen Brief schreiben. Und dann wurde man zu Brieffreunden. Heutzutage weiß ich gar nicht, ob es überhaupt noch richtige Brieffreundschaften gibt.

Muss ich ein besonderes Papier benutzen?
Nee, Du kannst irgendein Papier nehmen. Aber Du musst es unbedingt in einen Briefumschlag stecken und eine Briefmarke drauf kleben, damit es ankommt!

Dein Buch heißt „Deine Briefe lege ich unter meine Matratze“ – als Du das gemacht hast, konntest Du dann besser schlafen?
Ich weiß nicht mehr so genau, denn das ist jetzt 40 Jahre her. Aber ich glaube, ich habe besser geschlafen, denn ich wusste, so konnte niemand kommen und diese Briefe lesen.

Und wo hast Du sie später versteckt, hattest Du einen ganz besonderen Platz?
Das hing davon ab, wo ich gerade gewohnt habe, ich bin ja öfter umgezogen. Aber ich hatte schon einen besonderen Platz, nämlich eine kleine Kiste in die ich die Briefe reingelegt habe.

Dürfen Erwachsene eigentlich die Briefe von Kindern lesen?
Nein. Das ist absolut verboten. Kein Erwachsener darf Briefe lesen, die den Kindern gehören.

War es schwierig für Dich, Deine Briefe herzugeben, so dass sie nun auch fremde Menschen lesen können?
Ja, das war sehr schwierig. Ich habe viele Nächte gegrübelt, ob das wirklich richtig ist, dass unsere Briefe als Buch erscheinen. Eigentlich hatten Astrid und ich uns versprochen, dass wir die Briefe keinem Menschen zeigen. Auf der anderen Seite hatte sie die Briefe ja der Königlichen Bibliothek in Stockholm übergeben. Und dort sind nun auch meine – also Astrids Briefe an mich.

Und da sind Eure Briefe nun vereint!
Ja, aber ich hatte es gleich danach bereut. Und dann bin ich nochmal zur Bibliothek und habe gefragt, ob ich die Briefe nicht vielleicht doch wieder haben könnte. Da traf ich dann eine Frau, die ist zuständig für das komplette Astrid Lindgren Archiv. Und die sagte: Nein, Sara, Du kannst die Briefe leider nicht wieder haben, aber könnten wir darüber nicht vielleicht ein Buch schreiben…?

Was war der genaue Grund, warum Du den allerersten Brief an Astrid Lindgren geschrieben hast?
Ich schrieb Astrid, weil ich unbedingt so eine Rolle in einem ganz speziellen Film* haben wollte! Aber erstens war das weder Astrids Film, noch Astrids Buch, aber daran habe ich gar nicht richtig gedacht. Ich dachte nämlich, wenn Astrid irgendwo was sagt, dann wird alles wahr, dann bekomme ich die Rolle! Und da ich eh schon dabei war, Astrid zu schreiben, habe ich gleich auch noch ein paar Kritiken losgelassen – zu ihren eigenen Filmen. Zum Beispiel über all diese Kinderschauspieler, wie Tom und Annika. Die fand ich alle nicht so gut.

Also ein super sympathischer erster Brief! Was war ihre Antwort darauf?
Als Astrid mir darauf antwortete, sagte sie, dass sie meinen Brief ganz und gar nicht mochte. Und überhaupt machte mich Astrids Antwort ganz schön böse. Und so zerriss ich den Brief und schmiss ihn in die Toilette!

Äh, das sollte man wohl nicht machen, als guter Brieffreund oder?
Nein. Man sollte keinen Brief in der Toilette runter spülen!!! Aber ich habe das auch sehr bald bereut und ganz schnell einen weiteren Brief geschrieben und mich bei Astrid entschuldigt. Und Astrid hat auch um Entschuldigung gebeten. Und dann konnten wir endlich Freunde werden.

KaN_Lindgren_SchwedischWas glaubst Du, war der Moment, in dem Astrid begann, sich ganz besonders für Dich zu interessieren?
Mmm. Also sie fand mich sehr frech im ersten Brief. Aber schon im zweiten Brief hat sie wohl verstanden, dass ich innen drin gar nicht so frech war. Und da hat Astrid sogar geschrieben „An andere Kinder schreibe ich immer nur einen Brief. Aber an Dich schreibe ich mehr!“ Sie schrieb, dass sie meine Briefe einfach mochte. Und dass ich so sensibel bin, und dass sie gerne einfach wüsste, wie es mit mir und meinem Leben so weiter gehen würde.

Astrid hat Dich öfter mal liebevoll „kleine Taube“ genannt. Aber warum hat sie denn nicht kleiner Rabe gesagt???? Ich mein, schau mich an, ich bin sehr entzückend!
Ich glaube, Astrid mochte Tauben sehr gerne. Und hat auch in ihren Büchern viel darüber geschrieben. Aber ich glaube, sie mochte auch Raben. Ja, das hat sie ganz bestimmt!

Ok. Gut. Oma Lindgren hat in ihren Briefen an Dich auch oft von ihren Enkeln erzählt, also dass sie oft mit ihnen in den Urlaub fährt. Oder gemeinsam mit ihnen Abendbrot isst. Wärst Du da gerne auch dabei gewesen?
Nein. Ich wollte Astrid nie treffen. Ich wollte nur Briefe schreiben. In der Wirklichkeit kann man so schüchtern werden miteinander. Oder versuchen, jemand zu sein, der man nicht ist. Aber wenn man schreibt, kann man total man selbst sein. Astrid und ich wurden ja Brieffreunde. Und irgendwie auch richtige Freunde. Aber auf eine andere Weise, als wenn man sich in der Wirklichkeit kennt. Und ich denke, ich habe das Beste von Astrid bekommen. Und glaube, dass wir uns näher standen, als ich damals all meinen Freunden.

KaN_Lindgren_SignaturAstrid Lindgren schien auf der einen Seite eine sehr fröhliche Frau gewesen zu sein. Das merkt man an all ihren tollen Büchern. Aber wenn man Eure Briefe liest, bemerkt man, dass sie auch oft traurig und besorgt war. Welche dieser Seiten hat Dich mehr beeindruckt?
Ja, das ist wirklich wahr. Sie hatte wirklich zwei Seiten. Und es war diese ernste, etwas traurige Seite, die mochte ich am meisten. Aber Astrid hat diese traurige Seite in der Öffentlichkeit nicht oft gezeigt. Sie war die Fröhliche. Die Lustige, die Soziale. Die auch viele Freunde hatte. Und immer im Zentrum war. Aber im Inneren war sie auch oft ernst und einsam. Aber diese Einsamkeit brauchte sie wohl auch manchmal, zum Beispiel zum Bücher schreiben.

„Life is not so rotten as it seems“. Das hat sie Dir oft geschrieben. Glaubst Du, das musste sie sich selbst auch oft sagen?
Ich glaube, dass sie viel gelernt hat vom Leben. Und dass sie das auch oft zu sich selbst sagte. Und, dass sie geglaubt hat, dass es irgendwo immer eine Hoffnung gibt.

Was wurde Astrid für Dich am meisten – eine Freundin, eine Begleiterin, wie eine Oma?
Astrid war eine Person, die mit mir sprechen wollte. Die immer da war für mich. Und sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht wertlos bin.

Das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern wurde in Euren Briefen immer wieder zum Thema. Heute bist Du selbst Mama von drei Kindern. Was denkst Du, könnten sich alle Eltern von Astrids Idealen abgucken, um bessere Eltern zu sein?
Ui! Schwere Frage. Ich denke, Astrid meinte zum Beispiel, man solle viele viele Bücher zusammen lesen. Denn dann kommt man zusammen, und es ist gemütlich und Bücher zu lesen ist ja eh immer schön. Und wenn man Astrids Bücher liest, bemerkt man ja, dass es darin immer sehr viele Eltern und Kinder gibt. Und viele Kinder haben einen erwachsenen Freund. Und in diesen Büchern kann man auch oft sehen, wie man als Erwachsener sein kann mit Kindern.

Welche von all den Figuren von Astrid Lindgren Figuren ist Dein absoluter Liebling?
Also ich liebe Emil! Hier in Deutschland heißt er ja Michel. Und Madita und ihre kleine Schwester Elisabeth, die kleine Schwester von Madita. Und die Tante von Karlsson vom Dach. Aber es gibt so so viele gute Figuren.

KaN_Lindgren_RegalKaN_Lindgren_Maschine2Hier in Kiel am Nil, wenn Kinder ins Småland gehen, da gibt es ganz viel bunte Plastikbälle. Und wenn die Eltern ihre Kinder nach ein paar Stunden wieder abholen, haben sie ein neues Sofa. Oder zumindest einen Hot Dog in der Hand. Oder Vanillekerzen. Wie sieht das richtige Småland aus? Das, was Ihr beide, Du und Astrid Lindgren, so liebt und wo Ihr beide Eure Wurzeln habt?
Da gibt es riesige Wälder mit verwunschenen Wegen, wo man Blumen und Pilze pflücken kann. Und große Seen. Und viele Pferde. Und aus der Gegend wo speziell Astrid Lindgren herkommt, gibt es ganz große alte Bäume mit Löchern drin, in die man rein klettern und sich verstecken kann.

Was war neben Småland eine Sache, die Dich und Astrid Lindgren ganz besonders verbunden hat?
Ich glaube, dass war unsere Sensibilität. Als Menschen waren wir sehr sehr unterschiedlich, aber unsere Empfindlichkeit hat uns glaube ich verbunden. Astrid war ja viel älter als ich und hatte so viel Lebenserfahrung. Und war ja außerdem eine berühmte Schriftstellerin. Und ich war ein ziemlich komplizierter, egozentrischer, anstrengender und total chaotischer Teenager. Aber wir sind uns in den Briefen trotzdem begegnet. Ich bekam mal eine ganz tolle E-Mail von Astrids Nichte, also der Tochter von Astrids Bruder Lasse. Und die schrieb, dass Astrid eine phantastische Tante war, aber sie ihr nie so nahe kam, wie ich ihr in den Briefen.

Was haben die Briefe für Deine weitere Entwicklung, für Dein Leben bedeutet?
Ich habe viele darüber nachgedacht, es ist dennoch schwer zu beantworten, da ich ja nicht weiß, wie es gekommen wäre, hätte ich diese Briefe nicht gehabt. Aber die Forschung hat ergeben, dass wenn ein Mädchen oder ein Junge es schwer hat im Leben, aber es einen Erwachsenen gibt, der hin schaut und der sich kümmert, dann ist dieser eine Erwachsene ausschlaggebend dafür, wie es diesem Kind im Leben gehen wird. Deswegen wünsche ich mir, dass alle Kinder, aber auch alle Erwachsenen, eine eigene Astrid Lindgren haben sollen! Und ich wünsche mir, dass alle Jugendlichen, die Probleme haben, einen Freund finden. Einen Erwachsenen. Jemanden, mit dem sie reden können.

Und können diese Freunde nicht auch die eigenen Eltern sein?
Ja natürlich! Aber oft ist es tatsächlich leichter, mit jemand anderem zu sprechen.

Von all den tollen Worten, die Astrid Lindgren Dir geschenkt hat, was waren die allerschönsten?
Mmh… in dem allerletzten Brief, den ich von Astrid bekam, und da war sie schon sehr alt, da fragte sie mich in Bezug auf meinen vorigen Brief: „Wofür schämst Du Dich? Was hatte ich denn damals geschrieben, weswegen Du Dich schämen musstest? Das habe ich vollständig vergessen! Das ist soooo lang her!“ Und ich fand das so schön, dass Astrid das vergessen hatte!! Da war es dann auch egal, dass ich mich all die Zeit wohl ganz umsonst so geschämt hatte.**

Danke Sara!

* „Der weiße Stein“ von Gunnel Linde

**Dazu müsst Ihr wissen, dass Sara gegenüber Astrid Lindgren so einige Klopper gebracht hatte, für die sie sich im Endeffekt sehr doll schämte. Nicht nur der allerallererste ziemlich freche Brief, sondern sie hat sie auch mal um Geld angepumpt. Und so was halt. Das war Sara fürchterlich peinlich!)

You Might Also Like