Ausflüge, Lecker

Die Wunder von Wik

20. August 2015

Ich finde Spazierengehen ja eigentlich öde, aber wenn die Etappenziele nach Zimt und Pommes schmecken – dann bin ich dabei! Käptn Muddi, Hansfranz und ich sind den Nil hoch geschippert und haben im Norden Kiels Land gemacht – in Wik am Nil. Dort, wo die ewig lange Holtenauer Straße ihr Ende findet und längst keine Flaniermeile mehr ist, dort wo die Matrosen malochen, die Schiffe Container jonglieren und von wo man irgendwann nicht mehr weiter geradeaus gehen kann – weil man sonst in den Nord-Ostsee Kanal plumpsen würde, das ist die Wik.

Auf dem Hinweg kommen wir aus Richtung Kiellinie und werden am Sporthafen Wik von der strahlend weißen Gorch Fock begrüßt, die an der Tirpitz-Mole liegt. Gegenüber steht ein riesiges rostiges Denkmal mit dem Namen Hafen 77. Hansfranz sagt, da hat er schön öfter drauf gesessen und sich auf Touristen-Fotos geschmuggelt. Muddi macht ein Foto und sagt. „Na denn mal rauf da, Du Hansfranz!“ Aber Hansfranz hat heute Bad Feder Day und will nicht. Diese Möwen wissen auch nicht was sie wollen!

Wik_GorchFockWik_SporthafenWik_DenkmalAls erstes landen wir in der Knorrstraße. Dort gibt es seit 1994 die Wiker Buchhandlung, ein kleiner gemütlicher Laden mit einer wunderbar großen Kinderbuchauswahl. Meike Lalowski hat das Lädchen vor 21 Jahren eröffnet – trotz alle Bedenken „Tu es nicht, so tönte es aus allen Richtungen. Tu es, sagte mein Herz.“ Und machte es trotzdem, mit drei Kindern und jeder Menge Zuversicht. Und die zahlt sich bis heute aus – die Wiker Buchhandlung funktioniert fernab von Amazonien und freut sich über jede Leselandratte in Kiel am Nil.

Wik_Buchhandlung_2 Wik_Buchhandlung_1Wik_AdalbertWeiter geht’s in die von betagten Bäumen gesäumte Adalbertstraße, vorbei an der Spelunke „Pinasse“ stürmen wir den Biosk Tante Suse. Ein Ecklädchen, wie es im Buche steht – und dem Autor Michael Hergt und Fotograf Pepe Lange tatsächlich ein kleines Büchlein widmeten. Dieses trägt den reizenden Titel „Am Arsch der Stadt“ und birgt wärmende Worte über Geschichte und Eigensinn des Ladens und seiner Kunden. Und: Es erlaubt mir am helllichten Tage und mitten in Kiel am Nil „Arsch“ zu sagen. SUPER!

Wik_Suse_GieskanneWik_Suse_Vierer_2Wik_Suse_AmArschTante Suse ist ein bisschen knarzig, hübsch bunt, sehr heimelig und sehr oft sehr lecker. Aus dem großen Schaufenster blickt man in eine Kulisse aus alten Klinkerfassaden, der verwinkelten Petruskirche und haushohen Bäumen. Vor dem Laden reihen sich ungeordnet-anmutig bunte Tische und Stühle auf dem Pflaster und in einer alten Zink-Badewanne wachsen Blumen wie wild und in alle Himmelsrichtungen.

Als die Dreifachmama Susanne Wihlfahrt 2011 all ihren Mut und sämtliche Piepen zusammen nahm, erschuf sie eine Mischung aus Café und Tante Emma Laden. Heute ist Tante Suse längst das, was man das Epizentrum eines gemütlichen Flecken Erde nennen kann, Dreh- und Angelpunkt eines Kieler Kleinods – dem südlichen Maritimen Viertel. Dort treffen ansässige Künstler auf kantige Matrosen, entspannte Renter auf gestresste Studenten, Käuze auf Geschäftsmänner und zwischendurch hüpfen immer wieder Kinder. Kinder, die hier Kinder sein können, denn hier gibt es weder Etikette, Sitzordnung noch Platzdeckchen.

Wik_Suse_ViererWik_Suse_InnenTasseWik_Suse_ZweierWik_Suse_DreierWik_Suse_SpiegelungDer verwöhnte Hansfranz bemerkt beim Anblick meiner Leibspeise Zimtschnecken zwar, dass diese Öko-Gebäckwaren aussehen wie, äh, Öko-Fladen, aber als er sie dann probiert, hält er plötzlich den Schnabel – und bestellt sich direkt ne zweite. Siehste! Ich habe diesmal nur vier Schnecken geschafft. Die kaffeeverrückte Käptn Muddi isst derweil nen russischen Zupfkuchen und schüttet literweise Cappuccino in sich rein. Sie behauptet, der sei wirklich unglaublich lecker. Hansfranz und ich bauen ein paar Duplotürme, während Muddi noch Zitronen kauft. Damit will sie später ein paar Zitronenbäume pflanzen, sie sagt: „Am Nil wachsen die besonders gut.“ Muddi denkt echt, wir glauben alles!

Zitronen gibt es bei Tante Suse, weil sie dort nämlich auch Obst und Gemüse, Brot, Käse, Getränke und Naschis verkauft. Alles Bio. Und Mittags macht sie Mittagstisch. Da platzt dann der Laden auch manchmal aus allen Nähten. Was sie kocht, entscheidet sie meist erst am selben Morgen. Wer also Hunger hat, der soll sich gefälligst einfach mal überraschen lassen.

Wik_Park_GehenAls wir den Kuchentresen leer gegessen haben, schlendern wir die Arkonastraße runter und treten durch ein hübsches Tor hinein in den Anscharpark. Ich streife mit der Gäng über die Wiesen, entdecke zwischen lauter Büschen einen Geheimweg und einen coolen Kletteraffenbaum. Am Atelierhaus luschern wir neugierig durch die Fenster, hat heute aber leider geschlossen. Das Atelierhaus, die Petruskirche als auch die meisten anderen alten Gebäude in und um den Anscharpark stammen aus der Zeit, als die Marine hier noch voll groß am Start war und sogar ein eigenes Krankenhaus hatte.

Irgendwann aber standen viele der beeindruckenden Bauten länger leer und wurden nun in den vergangenen Monaten sogar teilweise abgerissen. Zum Glück stehen jedoch noch genügend, die saniert werden und den alten urigen Klinker-Zauber erhalten können. Zudem sollen hier in einigen Jahren viele neue Wohnungen für Menschen allen Alters entstehen. Bis dahin wird ordentlich gebaggert – aber wer flirtet nicht gerne mal mit der Wik.

Wik_Park_SchleichwegWik_Park_AtelierWik_Park_VersteckenWik_Park_StillebenWie ziehen weiter und landen vor dem Wiker Wasserturm, der längst kein Wasser mehr sondern Wohnungen beherbergt. Wer von Euch ein paar Goldtaler übrig hat, kann sich den Turm kaufen, sagt Muddi. Also ich würde Gold ja eher in Schokolade investieren, oder wegen mir auch in so einen Kulturtreff wie Kuddel. In dem ehemaligen Wartesaal-Häuschen neben dem Wasserturm gibt’s ab und an zum Beispiel Lesungen für Kinder. Coole Sache.

Wik_WasserturmDurch den Schleusenpark durch und am Wiker Balkon vorbei erreichen wir das Maschinenbaumuseum, dieses liegt auf einem, nach schleswig-holsteinischen Dimensionen betrachtet, hohem Berg und genau oberhalb der Kanal-Schleuse. Wir linsen durch die Fabrikfenster und entscheiden, dort ganz bald mal in Ruhe hinzugehen. Käptn Muddi sagt: „Dann zeig ich Euch mal, wie so nen Vierzehntaktmotor funktioniert und ich frage „Hä? Du meinst wohl einen Viertaktmotor?“ Und Muddi so, „ach so, ja natürlich!“

Wik_MaschinenmuseumDass Wik neben urigen Klinker- und Altbauten, sowie den zahlreichen blauen und grünen Oasen auch von kühlem Beton und Stahl geprägt ist, dafür sorgen nicht nur die riesigen Pötte und die Industrie, die sich auf und an den Kanal reihen, sondern auch die alles und alle überragende Straßenhochbrücke Holtenau. Aus fast 40 Meter Höhe blickt sie stahlstarr auf Kanal und Förde und verbindet die Stadtteile Wik und Holtenau zum Maritimen Viertel Kiels.

Wik_KanalbrueckeWik_Kanalbruecke2Kaum zu glauben, dass genau unter der Brücke ein Wohnhaus steht und es sogar ein Café gibt – die Kleine Kanalperle. Unter dieser Brücke wirkt einfach alles winzig – von riesigen Containerschiffen bis zu einem mehrstöckigen Haus. In der Kleinen Kanalperle gibt es selbstgebackenen Kuchen, Fischbrötchen und einen Blick auf den Kanal und unter die Kanalbrücke. Hansfranz sagt „Ich fühle mich plötzlich so klein!“ und ich sage: „Du bist klein!“

Wik_Kanalbruecke3Wir gehen wieder zurück – die Uferstraße ist nämlich ne Sackgasse – und entdecken dabei den Fähranleger. Hier kann man mit der Adler auf dem Kanal schwimmen gehen. Adler heißt die Fähre, die hier mehrmals täglich die Wik und Holtenau gratis verbindet. Das hat in den 1920ern die Kaiserliche Kanalverwaltung beschlossen: „Fährefahren for free! Würde der Engländer dazu sagen,“ – sagt Muddi, die nicht nur native norddeutsch ist, sondern sogar besser englisch spricht, als alle englischen Fische zusammen. Langsam ziepen unsere Füße, denn die Wik liegt weiter auseinander als man denkt. Zum Glück ist in unseren Bäuchen wieder Platz und so landen wir an der nördlichsten Spitze der Wik Welt – am Imbiss Förde- und Kanalblick.

Wik_Kanalblick1Wik_Kanalblick4Wik_Kanalblick2Wik_Kanalblick3Hier sitzen super viele Kanalexperten mit super scharfen Ferngläsern. Käptn Muddi besorgt einen Berg Pommes und wir machen es uns auf einer der vielen Bänke gemütlich. Zum Glück sind die Containerschiffe wahnsinnig groß, so dass wir sie auch ohne Fernglas deutlich erkennen können. So nah dran ist man nur selten. Von der anderen Seite winken der Holtenauer Leuchtturm und der Tiessenkai zu uns rüber. Aber Muddi winkt müde ab: „Heute keine Kanalüberquerung mehr. Dieser Tag gehört ganz allein den kleinen feinen Wundern der Wik.“


Mehr Infos gibts hier und da:

Biosk Tante Suse
Adalbertstraße 19
24106 Kiel
0176 94 222 660

Maritimes Viertel Kiel

Maritimes Viertel – Kultur am Kanal e.V.

Wiker Buchhandlung

Atelierhaus im Anscharpark

Maschinenmuseum Wik

Förde und Kanalblick

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  • Peter 18. Dezember 2015 at 10:59

    Eine Expedition in die innerste Heimat! ^^