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Feder, Pinsel und Herr Rassmus

13. Mai 2016

Ich will ja null rumschleimen – schließlich bin ich eine kultivierte Krake und keine schnöde Schnecke, aber dass dieser Herr Rassmus aus Kiel am Nil ganz schön schlau sein muss, das ist ja wohl krakenklar! Denn wenn man es sich genau überlegt, hat sich der um die 48-jährige Herr Rassmus einen Beruf ausgesucht, mit dem er mal eben seine Kindheit bis ins Hier und Heute verlängert hat. Herr Rassmus ist Kinderbuchautor.

Vor einiger Zeit habe ich ihn in seinem kleinen Kieler Atelier besucht. Dort erfindet und schreibt er nicht nur Geschichten, sondern erweckt sie auch zum Leben, indem er sie illustriert. Illustrieren heißt im Grunde genommen Malen oder auch Zeichnen. Das geht mit Stiften, Pinseln und allen möglichen Farben und sogar am Computer.
Kan_JensRassmus_StaffeleiKan_JensRassmus_AtelierDetailsKan_JensRassmus_BeimSkizzierenIn Herr Rassmus´ Atelier gibt es so einiges zu entdecken: Pinsel, Stifte, Papiere, CDs, Bilder, Fotos, Zeichnungen sowie Berge von Büchern von sich selbst, von höchst gemochten Kinderbuch-Kollegen wie Eva Muggenthaler und Katja Gehrmann und künstlerischen Vorbildern wie dem brühmten F.K. Waechter. Nicht zu übersehen ist außerdem eine beeindruckende Farbpalette, die mit ihren unzähligen bunten Farbschichten – und Klecksen so schwer ist, dass ich sie trotz meiner acht Arme kaum heben kann.

Auf dieser mischt Herr Rassmus seit sehr vielen Jahren seine Acryl-Farben. Dort sammeln sich also Farbpigmente, die in mindestens zwei dutzend Kinderbüchern wiederzufinden sind und von der sich der Kieler Geschichtenerzähler einfach nicht trennen mag. Schließlich sind von dieser Palette viele wunderbar lustige, verträume, mutige, suchende und schlaue Figuren wie der Doktorfisch („Ein Pflaster für den Zackenbarsch“/2014 & „Party im Walfischbauch“/2016), Frosch Boris („Der Wunderbarste Platz auf der Welt“/2005) oder der null gepunktete Marienkäfer und das hamsterkleine Bison („Der karierte Käfer: 14 3/3 Geschichten“/2007) in Herr Rassmus´ Bücher gehüpft.

Kan_JensRassmus_FarbpaletteKan_JensRassmus_Werke1Das mit den Kinderbüchern macht Herr Rassmus also schon eehewig lange. Er hat das Illustrieren sogar studiert. In den 1990ern in Hamburg, bei Herrn Rüdiger Stoye. Der ist selbst auch Kinderbuchautor und verbrachte viele Jahre damit, Studenten beizubringen, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Gelernt hat Herr Rassmus aber nicht nur an der Hochschule. Schon viel früher hat er begonnen, zu Zeichnen, was die Zettel halten. Damals war er noch Schüler und bewunderte Comic-Geschichten wie Tim & Struppi und Asterix & Obelix.

Das Zeichnen also hat er durchs Studium und vor allem durch viel, viel Üben gelernt. Die vielen Geschichten an sich jedoch, die hat er nicht gelernt: „Die schlummern so in mir herum“, erklärt er mir und ich nicke – aber natürlich nicht ein, sondern weil ich total verstanden habe: Geschichten erfinden kann man nicht lernen – sie finden einen selbst. Wenn man die Augen und Ohren dafür offen hält. Wenn man neugierig bleibt und sich vorm und beim Leben und Erwachsensein nicht langweilt.

Und da gibt es noch etwas, was die Erzähl-Ideen des fröhlichen Kieler Kinderbuchautors beeinflusst. Herr Rassmus erzählt: „Wie ich mit meinen Kindern rede, fließt in meine Geschichten hinein, so eine bestimmte Art von Humor.“ Sein Sohn und seine Tochter durften ihn bei „Rosa und Bleistift“ (2011) sogar helfen und einige Zeichnungen beisteuern.

Herr Rassmus zeichnet übrigens auch sehr oft für andere Autoren, zum Beispiel für Christine Nöstlinger („Guter Drache & Böser Drache“) oder den Kieler Schriftsteller Arne Rautenberg („Montag ist Mützenfalschrumtag„) . Zudem findet Ihr seine Zeichnungen nicht nur in Büchern wieder. Hin und wieder ist er auch bei der tollen Kieler Comic-Reihe Pure Fruit dabei, und freut sich, dafür andere Stile und Erzähl-Ideen zu entwickeln. Auch zeichnet Herr Rassmus CD-Cover für verschiedene Kinder-Musik Reihen und neulich hat er sich einen Wunschtraum erfüllt. Er liebt Fußball und durfte für das diesjährige Schweizer Fußball-Sticker-Sammel Album Tschuttiheftli, eine Art kunstvolles Panini Heft, das EM 2016 Team von Wales zeichnerisch beisteuern.
Kan_JensRassmus_ArneRautenbergKan_Kinderbuchautor_JensRassmus_PureFruitKan_JensRassmus_Tschuttliheftli_Innen_WalesKan_JensRassmus_Tschuttliheftli_Wales_PortraitsApropos Schweiz und die weite Welt: Weil Herr Rassmus´ Geschichten so viele Kinder mögen, wurden diese sogar schon in andere Sprachen wie Englisch, Französisch, Japanisch, Koreanisch und Portugiesisch übersetzt. Wenn Geschichten übersetzt werden, ist das also quasi, als ob man ihnen einen Reisepass verleiht. Weil sein Fußballer-Buch „Kann ich mitspielen?“ (2014) auch ins Arabische übersetzt wurde, reiste Herr Rassmus auf Einladung des Goethe-Instituts in diesem Jahr sogar nach Palästina. Dort las Kindern vor und gab jungen Künstlern in Ramallah einen Illustrations-Workshop. Auch hier in Kiel am Nil schenkt Herr Rassmus anderen Künstlern eine Idee davon, wie man das so macht, mit den Kinderbüchern. Dafür lehrt er zum Beispiel an der Muthesius Kunsthochschule.
Kan_JensRassmus_KannIchMitspielenDass er selbst mal vor Studenten stehen und erzählen würde, daran hat er beim Erschaffen seines allerersten Buches „Bauer Enno und seine Kuh Afrika(1997) wohl nicht gedacht. Bei diesem Buch hat Herr Rassmus eher an seine Oma gedacht. Schließlich erzählte diese ihm als Kind mal eine Geschichte von einer Kuh Afrika und deren besonderen Fleck… Bei seiner Oma entdeckte Herr Rassmus übrigens auch sein allererstes Lieblings-Kinderbuch „Hansemanns Traumfahrt – ein Märchen vom Rundfunk.“ Damals war Herr Rassmus selbst noch ein Kind und vermutlich sagte seine Oma auch nicht Herr Rassmus zu ihm, sondern Jens. So heißt er nämlich mit Vornamen.
Kan_JensRassmus_HansemannsTraumfahrt

Als Herr Rassmus mir von seiner Oma erzählte, fiel mir übrigens ein krasser Gedanke in die Fangarme. Klaro! Jetzt weiß ich, warum Erwachsene gute Kindergeschichten erzählen können obwohl sie erwachsen sind – die waren ja selbst mal alle Kinder. Ist das nicht cool? Ich meine, überlegt Euch das doch mal: So langweilig können die doch alle gar nicht sein! Wenn Eure Eltern also das nächst Mal mit Euch schimpfen oder Euch voll nerven, stellt sie Euch doch einfach als Kinder vor. Dann reden sie quasi plötzlich auf Augenhöhe mit Euch. Und Ihr könntet anbieten: „Komm, lass uns doch einfach wieder Freunde sein – und statt Zimmer aufräumen lieber ein paar schöne Kinderbücher lesen. Du willst es doch auch!“ Ihr könntet dazu noch bedeutungsvoll brüderlich mit dem rechten Auge zwinkern, aber das müsst Ihr selbst entscheiden.

Mit seiner Antwort auf meine Frage, was er ganz besonders toll an seinem Beruf findet, sticht er jeden professionellen Berufsberater aus: „Man darf frech und unerzogen sein als Kinderbuchautor!“

Danke, lieber Jens Rassmus und allzeit eine weltbreit Farbe auf Deiner Palette!

Und wenn Ihr mehr über Herrn Rassmus erfahren wollt,
dann lest doch seine Bücher!
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