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Marionetten: Wo Drachen Revolverhelden Gute Nacht sagen

28. Januar 2016

Kalle Qualle, räum bitte endlich Dein Zimmer auf!“, wenn ich diese Ansage demnächst mal wieder von Käptn Muddi erteilt bekomme, habe ich endlich die richtige Antwort parat: „Bei dem Peter sieht das aber genauso aus wie bei mir und das nennt man geordnetes Chaos und ich bestehe darauf, wenn Erwachsene das dürfen, DANN darf ich das auch. JAWOHL!“ Dann wird sie zugeben müssen, dass das wirklich so ist. Und dass jeder kreative Mensch, jede kreative Qualle und vor allem ALLE KINDER nun mal etwas Buntheit im Alltag brauchen. Und dann kann ich statt aufzuräumen nun auch endlich mal anfangen, Euch von meinem Besuch bei Peter Beyer zu erzählen.
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Abhängen. Dieses Wort bekommt an den Decken in den verrückten vier Wänden des Kielers Peter Beyer eine völlig neue Bedeutung. Denn Peter ist Marionetten-Meister-Bauer. Und er, seine Frau und ihre beiden Kinder leben gemeinsam unter einem Dach mit Pi mal Daumen 1000 Marionetten. Und wer jetzt noch denkt, Kiel am Nil sei schnöde öde für Kinder, der hat noch nicht das Haus von Peter betreten. Oben wohnt die Familie. Im Erdgeschoss und im Keller sind auf knapp 160 Quadratmetern Werkstätten, eine Bühne, Material und Marionetten zu finden.

Drachen, Clowns, Matrosen und Kapitäne, Löwen, Dromedare, Elefanten, Frösche und unzählige lustige Gestalten wohnen bei Peter. Sie alle sind Marionetten. Und sie alle wurden von ihm in mühevoller und langwieriger Detailarbeit selbst gebaut. „Dabei geht es nie um das Perfekte. Eine Marionette soll nicht perfekt sein. Erst das Unperfekte macht sie interessant,“ beschreibt Peter und zeigt mir seine wahren Schätze, nämlich das Material aus dem ein Großteil der Marionetten entsteht. Achtung: Es ist Abfall! Also genauer gesagt, Verpackungen aller Art, denn Peter ist spezialisiert auf Upcycling. Von der Konserve über Waschmittelbehälter zu Streichkäsedosen – Peter hat sie alle und aus allem kann er ein neues Leben zaubern. Ein Marionettenleben eben.
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Der gelernte Tischler hat aber nicht nur einen Kopf voller Ideen, sondern auch Koffer, Kisten und Keller voller weiterer Materialen wie Papiere, Lindenholz, Stoffe, Wolle, Farben. Und Thunfisch-Angelschnüre. Äh, wie bitte? Damit er sich die Dosen fischen kann? Nein, diese besonders strapazierfähigen Schnüre benutzt Peter als Fäden für seine Puppen. Sie sind quasi so was wie deren Lebenslinien. Als Verbindung zwischen Spielkreuz und Puppe machen sie die Marionetten erst lebendig, bringen sie zum Hüpfen, Tanzen oder  Laufen.
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Peter arbeitet öfter mit Schulen zusammen, ab und an mit dem Kieler Theater oder, wie vor einiger Zeit, sogar mit einer echten Pop-Rock-Band. Revolverheld heißen die. Und die haben im Musikvideo „Lass uns gehen“ für sich Peters Puppen tanzen lassen. Drei Wochen hatte er Zeit, die Band und einen Roadie (das ist das, was Krakauer gerne mal werden würde, wenn er fertig mit dem Kraken-Kindergarten ist) zu bauen. Normalerweise braucht Peter für eine einzelne Puppe bis zu zwei Wochen, aber er hat es trotzdem geschafft. Und die Puppen dann gemeinsam mit Kollegen auch selbst gespielt. Das Musikvideo hat bei YouTube weit über 6,5 Millionen Klicks. Das ist viel, sehr viel. Das Video könnt  Ihr Euch genau hier ansehen:

Peter erzählt, dass er bereits als Kind begeistert war von Marionetten. Damals war er bei einer Vorstellung. Seitdem lies es ihn nicht mehr los und er begann, sich das Handwerk des Marionetten-Bauens einfach selbst beizubringen. Mittlerweile spielen Marionetten seit fast 40 Jahren eine Rolle in Peters Leben und sind nicht mehr daraus wegzudenken. Peter baut aber nicht nur für Revolverhelden. Er baut vor allem für Alle, die Lustigkeiten lieben und am liebsten für und mit Kindern. Seit einiger Zeit ist Peter auch regelmäßig in der Werkstatt für kreative Unruhe des Malers Franny Petersen-Storck oder in der Kieler Flüchtlingsunterkunft auf dem Nordmarksportfeld anzutreffen (das Bild unten ist abfotografiert und zeigt ihn bei dieser Arbeit). Dort gestaltet Peter gemeinsam mit Kindern aus geflüchteten Familien Marionetten aus Eier- und Apfelkartons sowie anderem Allerlei. Damit die Kinder Kinder sein können, und spielen und basteln dürfen. Das sind nämlich kindliche Grundrechte. Auch vor allem dann, wenn die Welt dieser Kinder gerade ganz schön auf dem Kopf steht.

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Apropos auf dem Kopf stehen, wusstet Ihr eigentlich, dass ich, wenn man mich, also Kalle Qualle, auf den Kopf stellt, eine hervorragend natürlich gewachsene Marionette wäre? Ich brauche allerdings keine Drehkreuze. Ich kann meine Tentakeln ja höchst selbst bewegen.

Danke Peter!

Mehr Informationen über Peter Beyer findet ihr hier:
www.marionettenwerkstatt-kiel.de

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